Archive for the 'mehdorn' Category

Herr Mehdorn, warum verkaufen Sie unsere Bahn?

Tuesday, August 1st, 2006

Im Stern ist ein Interview mit Hartmut Mehdorn, dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn erschienen. Das Thema: der geplante Börsengang der Deutschen Bahn. Das Bahnblog dokumentiert einige Auszüge aus dem Gespräch:

Stern: Was hat der Bahnkunde vom Börsengang?
Mehdorn: Er profitiert davon, dass wir mit neuem Kapital den Modernisierungsprozess der Bahn fortsetzen können. Der Kunde bekommt einen besseren Service und fährt pünktlicher, sauberer und noch sicherer.

Stern: Wird Bahnfahren auch billiger?
Mehdorn: Es wird sicher nicht billiger. Wir werden insgesamt aber auch nicht teurer werden.

[…]

Stern: Kritiker sagen, Mehdorn verkauft die Bahn viel zu billig, es gebe ungehobene Schätze in Ihren Bilanzen. In den vergangenen zehn Jahren haben Sie etwa 90 Milliarden Euro investiert. Knapp 40 Prozent davon sind Investitionszuschüsse des Bundes - also Steuergelder - gewesen. Wo sind die in Ihrer Bilanz?
Mehdorn: Ein Zuschuss wird nicht in eine aktive Bilanz mit einbezogen. Wenn Bund, Land und Kommunen einem Autohersteller Geld für eine neue Fabrik geben, taucht das auch nicht in der Unternehmensbilanz auf. Alles, was wir an Infrastrukturinvestitionen gemacht haben, ist in unserem Anlagewert von 40 Milliarden Euro in der Bilanz enthalten.

[…]

Stern: Wir Steuerzahler haben in den vergangenen Jahren Milliarden in die Bahn gesteckt und müssen der Bahn in den nächsten zehn Jahren noch mal 25 Milliarden Euro als Investitionszuschüsse für Gleise und Anlagen geben. Und Sie verkaufen die Bahn für einen Bruchteil davon. Das ist doch komisch?

Mehdorn: Sie machen da irgendwo einen Bruch, der so nicht erlaubt ist. Die Bahn ist quasi im Gemeinwohl mit dem Bund verwoben. In diesem Land gibt es eben Schienennetze. Die werden durch Zuwendungen des Bundes bezahlt, und die bleiben da. Das ist doch etwas anderes als eine Montagestraße bei VW.

[…]

Stern: Aber wenn wir Ihnen die jährlich 2,5 Milliarden Euro Staatshilfen streichen, schreiben Sie rote Zahlen.

Mehdorn: Sie mögen es anscheinend sozialistisch. Sie möchten wieder die Staatsbahn zurück; das höre ich heraus. Aber der Staat gibt der Bahn nie das Geld, das sie braucht. Er hat doch selber keines. Der Bundesbahn hat man damals nicht mal Mittel für Investitionen gegeben. Und dann hat dieses Land die Nase gerümpft und gejammert: Bei der Bahn geht es nicht voran! - So eine Dreistigkeit! Wir stellen die Bahn jetzt auf eigene Füße. Die Politiker sollen uns von der Kette lassen, dann lassen wir sie auch schrittweise aus ihren Investitionen raus. Wir sind Europas größtes Mobilitätsunternehmen. Wir sind ein Leuchtturm im Fenster der Deutschen in Richtung Europa. Einer ist immer der Erste, und das sind wir.

Mehr über das Selbstbewusstsein von Herrn Mehdorn und die Pläne der Deutschen Bahn kann man bei stern.de im kompletten Interview lesen.

“Die Wurst ist abgebissen …” - Bahn eröffnet den Berliner Hauptbahnhof

Friday, May 26th, 2006

Heute wird der neue Berliner Hauptbahnhof eröffnet. Das ist für verschiedene Zeitungen Anlass in Interviews mit dem Architekten Meinhard von Gerkan auf die Probleme mit Bahnchef Mehdorn zu verweisen. Dieser hatte am Bahnhof , angeblich kostensenkende, Veränderungen gegen den erklärten Willen des Architekten durchgesetzt. So wurden die Bahnsteigüberdachungen verkürzt und damit die Proportionen des Gebäudes deutlich verändert, Gewölbedecken durch einfache flache ersetzt und das Außenbeleuchtungskonzept geändert.

Gerkan spricht in einem Interview mit der taz von einer ‘Vernichtungsaktions’ an seiner Architektur und äußert sich entsetzt über Mehdorn, der während der Bauzeit vom neuen Hauptbahn als seinem Schlafzimmer gesprochen hatte, in dem er die Tapeten bestimmen dürfe. Im einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung hält Gerkan seine Eröffnungsrede, die ihm die DB AG verwehrt hatte, hier in Auszügen zitiert:

Der heutige Bahnchef tut so, als hätten sie alles allein aus dem Hut gezaubert. Dabei ist das, was heute eingeweiht wird, derjenige Teil eines Gesamtwerkes, der die Zerstörungsaktionen der Bahn überstanden hat. Die beiden schlimmsten Verstümmelungen sind hinlänglich bekannt: Erstens die mutwillige Verkürzung des Bahnhofsdaches, die zu gravierenden funktionalen, städtebaulichen und architektonischen Mängeln geführt hat. Alle Behauptungen der Bahn, dadurch seien Kosten und Zeit gespart worden haben sich mittlerweile ins Gegenteil verkehrt. Die Dachverkürzung verursachte Mehrkosten von rund 40 Millionen Euro. Auch die Bauzeit verlängerte sich dadurch. Zweitens: Die verbeulte Flachdecke mit der banalen 08/15-Beleuchtung im Inneren des Gebäudes. Sie wurde heimlich mit einem dritten Architekten geplant – und macht das beabsichtigte einmalige Raumerlebnis in der unteren Bahnhofshalle zunichte. Die innovative Außenbeleuchtung von dem Büro Angerer und Andres wurde durch eine Zirkusdekoration ersetzt. Diese Skandale hätten spätestens dann personelle Konsequenzen nahe gelegt, als der Bahnchef den Bahnhof öffentlich mit seinem eigenen Schlafzimmer verglich, in dem er beanspruchte, alleine die Auswahl der Tapeten bestimmen zu können. Allen Bemühungen meinerseits, Politiker in den höchsten Rängen zu bewegen, diesem Unwesen Einhalt zu gebieten, war kein Erfolg beschieden. Gerhard Schröder meinte: “Mensch, Gerkan, die Wurst ist lang genug; ich sehe sie jeden Tag.” Zwei Jahre später, bei seiner Kanzler-Abschiedsparty bekannte er: “Der Architekt hat Recht, die Wurst ist abgebissen – vorne und hinten.” […] Mein eindringlicher Appell an die Bundesregierung, Frau Merkel und die Öffentlichkeit lautet: Bitte sorgen Sie dafür, dass die schweren Verunstaltungen des Bahnhofs repariert werden. Die Teile des fehlenden Dachabschnittes sind bezahlt und eingelagert; sie können in wenigen Wochen montiert werden. Ebenso leicht kann die ordinäre Blechdecke gegen die vorgesehene Gewölbedecke mit einer faszinierenden Lichtinszenierung ausgetauscht werden.

Gedenken an Deportation gefordert

Tuesday, January 31st, 2006

Bis heute möchte die Deutsche Bahn AG nicht an die Beteiligung der Deutschen Reichsbahn an der Deportation der Juden in die Konzentrationslager erinnert werden. Anders in Frankreich wo eine Wanderausstellung in Bahnhöfen der 11.000 aus Frankreich verschleppten Kinder gedachte, hat die Erinnerung auf deutschen Bahnhöfen keinen Platz.

Demonstrationen in verschieden Städten, anlässlich des Holocaustgedenktages, gedachten am Wochenende der Beteiligung der Reichsbahn am Holocaust. Allein in Köln versammelten sich mehr als 200 Menschen in der Bahnhofshalle. Mit einer Skulptur aus grauen Koffern mit dem Titel “Warten auf den Zug” wurde auf das Schicksal der Deportierten aufmerksam gemacht. Überlebende, wie Tamar Dreifuss berichteten über ihre Deportation im Alter von fünf Jahren. Der von der Bahn herbeigerufene Bundesgrenzschutz und die Polizei griffen während der Veranstaltung nicht ein.

Im Anschluss an die Veranstaltung wurde auf dem Bahnhofsvorplatz ein Denkmal des durch seine ‘Stolpersteine’ bekannten Künstlers Gunter Demnig errichtet. Bilder und weitere Berichte über die Demonstrationen finden sich hier: Hagalil-Online, Arbeiter Fotografie mit Bildern von der Demonstration in Köln, TAZ NRW, German-Foreign-Policy.com, Flyer der Gewerkschaft ver.di (PDF)

Shareholder Value

Monday, December 12th, 2005

Bin in den vergangenen Tagen sehr viel mit der Bahn unterwegs gewesen, von Köln nach Gießen, von Gießen nach Hamburg und heute morgen von Hamburg nach Bonn. So weit so gut, alles ist einigermaßen pünktlich gelaufen, alle Anschlüsse haben geklappt.

Der Unterschied: seit Sonntag gilt der Winterfahrplan. Auf den Strecken, die ich nutze gibt es kaum Unterschiede zum alten Fahrplan. Nur die Kosten für die Bahnfahrt sind deutlich gestiegen.

So kosten Tickets im Fernverkehr zwischen 2,6 und fast fünf Prozent (je nach Klasse und Entfernung) mehr und die Bahn hat auch den Mitfahrerabatt für Bahncard-Inhaber gestrichen. Konnten früher bis zu vier weitere Personen von Rabatt des Karteninhabers profitieren, so ist dies heute nicht mehr möglich. Dabei war gerade der Mitfahrer-Rabatt eine prima Werbung für Nicht- oder Gelegenheitskunden, die so einmal einen Eindruck vom Bahnfahren zu realistischen Preisen erhalten konnten - aus vorbei, jetzt ist das Auto halt wieder billiger.

Dafür bleiben alte Unübersichtlichkeiten im Tarifsystem bestehen, denn der Mitfahrerrabatt gilt weiterhin bei den Frühbucherpreisen mit 25 und 50 Prozent Ermäßigung, für die sich Kunden auf einen Zug festlegen müssen. Wir bemerken: Flexibilität wird bei der Bahn nicht groß geschrieben.

Konzernchef Hartmut Mehdorn kann sich aber trotzdem über steigende Nachfrage in der Sparte Fernverkehrs freuen. Bis Ende September lockten ICE und Intercity 700.000 Reisende mehr an als ein Jahr zuvor. Das einstige Sorgenkind werde wohl noch 2005 die Gewinnschwelle erreichen, versprach Mehdorn jetzt dem Aufsichtsrat. Da stellt sich natürlich die Frage, ob die Preiserhöhung wirklich notwendig war. Für den laufenden Betrieb wohl, wohl aber für den kommenden Börsengang, vor dem Bahn so profitabel wie nur möglich da stehen muss. Es ist aber fraglich, ob dies nur über höhere Preise erreicht werden kann.

Der kommende Börsengang bestimmt mittlerweile die gesamte Bahnpolitik, was darüber vergessen wird ist der öffentliche Auftrag der Bahn. Hier lohnt ein Blick ins Grundgesetz. Nach Artikel 87e muss der Bund dem Wohl der Allgemeinheit beim Ausbau und Erhalt des Schienennetzes, sowie bei den Verkehrangeboten Rechnung tragen.

Die jetzt schon betriebene Vernachlässigung des Schienennetztes, die einseitige Konzentration des Konzern auf rentable Sprinterstrecken und der immer weiter betriebene Abbau von Netz und Service sind schon deutliche Vorboten des Börsenganges, an deren Ende für uns Kunden höhere Preise, schlechterer Service und eine vom Schienennetz ferngehaltene Konkurrenz stehen.

Schöne Aussichten für Herrn Mehdorn und die Bahn AG, schlechte für die Kunden.


Creative Commons Attribution-NonCommercial 2.0 Germany
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