
Der Traum der Privatisierer - schöne neue Bahnwelt - Hauptbahnhof Berlin
Bislang hatte es Menge berechtigte Schelte für den ersten Gesetzentwurf zur Privatisierung der Bahn gegeben. Von handwerklich schlecht gemacht, bis zu verfassungsrechtlich nicht haltbar prasselte die Kritik auf Bundesminister Tiefensee nieder. Besonders scharfe Kritik kam aus dem Wirtschaftsministerium. Dort wurde der Entwurf als 'in weiten Teilen verfassungswidrig' bezeichnet. Vor allem die Vorschläge zur Bilanzierungs des Schienennetzes waren umstritten. Im ersten Entwurf sollte das Netz zwar komplett im Besitz des Bundes bleiben, aber komplett in der Bilanz der Bahn auftauchen.
Heute sind Details eines Entwurfs des Wirtschaftsministerium zum Privatisierungsgesetz öffentlich geworden. Neu sind eine deutlich Stärkung der Bundesnetzagentur bei der Bahnregulierung. Auch die umstrittene Überlassung des Netzes und der sonstigen Infrastruktur soll nun auf 15 Jahre begrenzt werden. War ursprünglich ein Automatismus mit einer jeweiligen zehnjährigen Verlängerung vorgesehen, soll nun früher Schluss sein, vorausgesetzt die Bundesregierung beschließt keine Verlängerung.
Sollte der Bund mit den Leistungen der DB AG unzufrieden sein und eine Herausgabe des Netzes nach 15 Jahren verlangen, blieben der Bahn eine Übergangsfrist von drei Jahren zur Rückabwicklung.
Notausgang lässt sich erst nach 15 Jahren öffnen
Zur Bilanzierung des Netzes äußert sich das Papier nach Angaben der Tagesschau nicht. Damit soll sich der zuständige Bundestagsausschuss in seiner nächsten Sitzung beschäftigen. In einer Anhörung waren hier in der Vergangenheit von Experten schwere Zweifel an der Rechtmäßigkeit der geplanten Bilanzierungsregeln geäußert worden.
Das Wirtschaftsministerium hat in einem Absatz vor allem eines deutlich gemacht: "dass die jetzt zu treffende Entscheidung über eine Teilprivatisierung der Bahn nach 15 Jahren im vollen Umfang revidierbar ist, wenn die Erfahrungen negativ sein sollten."
Endstation Börse
An den prinzipiellen Problemen der Privatisierung ändert sich also scheinbar nichts. Weder wird ernsthaft über andere Varianten, wie ein Börsengang ohne Netz nachgedacht, noch wird prinzipiell über Alternativen nachgedacht.
Alle negativen Effekte des Börsengangs bleiben also 15 Jahre unumkehrbar. Sollte die Bahn mit dem Netz missbräuchlich umgehen, sollten Strecken stillgelegt werden, notwenige Investitionen zur Erhaltung unterbleiben, hätte der Bund kaum Einflussmöglichkeiten. Statt dessen stände er nach 15 Jahren vor der Alternative ein marodes Netz zu einem hohen Preis zurückzuholen, dass ihm formal zwar gehört, das aber eine teilprivatiserte Bahn runtergewirtschaft hat.
Unklare Rahmenbedingungen
Weiterhin ist unklar, welchen konkreten Einfluss die Bundesnetzagentur bekommen soll. In welchen Fällen kann sie die Bahn zwingen, das Netz für Konkurrenten freizugeben. Ist sie befugt der Bahn eine Schließung von unlukrativen Strecken zu untersagen, oder Investitionen in Unterhalt und Ausbau des Netzes vorzuschreiben?
Risiko verbleibt beim Bund
Nach wie vor sieht es aus, dass mit dem Börsengang Gewinne (auf Fernverkehrsstrecken) privatisiert und Verluste sozialisiert werden. Zudem ist zu beachten, dass die DB AG auch nach dem Börsengang weiterhin finanziell am Tropf des Bundes bleibt, jährliche Zuschüsse garantiert.
Mit aller Gewalt und viel Aufwand werden Rahmenbedingungen aufgestellt, die den Bund nun nicht mehr ganz so schlecht stellen, wie im ersten Entwurf. Echte Alternativen zum Börsengang werden schlicht nicht mehr gesucht.
Kunden bleiben auf der Strecke
Schon im Vorfeld des Börsengang zeigen sich die negativen Begleiterscheinungen. Den Rekordergebnissen zum Trotz ist der Service der Bahn insgesamt schlechter geworden. Fahrpreiserhöhungen, zahlreiche Verspätungen durch Langsamfahrstellen und Baustellen und eine Verschlechterung des rollenden Materials nehmen die Kunden seit Jahren klaglos hin. Nach dem Interregio gerät jetzt mit dem Intercity die nächste Zugkategorie aufs Abstellgleis. Sie soll in den nächsten Jahren komplett abgeschafft werden. In der Zwischenzeit häufen sich die Mängel in diesen Züge. Verschlissene Polster, defekte Toiletten, defekte Klimaanlagen sprechen eine deutliche Sprache.
Rückzug aus der Fläche
Vom Nahverkehr und der mangelnden Versorgung in der Fläche gar nicht zur reden. Runtergekommene Regionalbahnhöfe sind zum gewohnten Anblick geworden. Fahrkartenschalter werden geschlossen, die Kunden an die Automaten gezwungen. Gleichzeitig ist seit einigen Wochen der Verkauf von Fahrkarten in Zügen des Regionalverkehrs, unter anderem in NRW, eingestellt worden. So werden Kunden zu potentiellen Schwarzfahrern gemacht.
Der Ausbau einiger Vorzeigestrecken sind da für die meisten Kunden nur ein schwacher Trost. Sie müssen zudem meist mit exorbitanten Fahrpreiserhöhungen bezahlt werden. Außerdem was nützt die schnellste Verbindung, wenn der Anschlusszug unpünktlich ist oder gleich ausfällt.