Fernverkehr nur noch für Große

Am Mittwoch präsentierten im Bundestag. 17 Fachverbände ihre Anregungen und Wünsche zur geplanten Teilprivatisierung der Deutschen Bahn. Für besondere Aufregung sorgte dabei ein Gutachten der Unternehmensberatung KCW, das im Auftrag von mehreren Bundesländern und fünf Verkehrsverbünden entstanden ist. Danach drohen mit der Privatisierung der Bahn weitere, dramatische Kürzungen im Fernverkehr.

So sollen 16 Städten den Fernverkehrsanschluss verlieren:

  1. Flensburg
  2. Emden
  3. Brandenburg
  4. Potsdam
  5. Trier
  6. Konstanz
  7. Gießen
  8. Paderborn
  9. Cottbus
  10. Halle (Saale)
  11. Marburg
  12. Pforzheim
  13. Kempten
  14. Ravensburg
  15. Friedrichshafen
  16. Mülheim an der Ruhr

In weiteren Städten soll sich die Zahl der Fernverkehrsverbindungen deutlich reduzieren:

  1. Kiel
  2. Neumünster
  3. Rostock
  4. Stralsund
  5. Greifswald
  6. Schwerin
  7. Oldenburg
  8. Lüneburg
  9. Magdeburg
  10. Erfurt
  11. Eisenach
  12. Koblenz
  13. Wiesbaden
  14. Kaiserslautern
  15. Saarbrücken
  16. Rosenheim

KCW rechnet mit einer Umsetzung der Streichungen im Fernverkehr innerhalb von drei bis fünf Jahren nach dem Börsengang. Hinzu kämen deutliche jährliche Preiserhöhungen.

Der Steuerzahler würde ebenfalls deutlich belastet, anders als der Fernverkehr wird der Nah- und Regionalverkehr zum großen Teil durch die Regionalisierungsmittel des Bundes und durch Zuschüsse der Bundesländer bezahlt. Allein hierfür müssten nach dem Börsengang laut KCW 80 bis 150 Millionen Euro für aufgebracht werden.

Die KCW verweist in ihrem Gutachten auf die Mittelfristige Finanzplanung der Deutschen Bahn, nach dieser will der Konzern den Unternehmensgewinn in der Fernverkehrssparte von jetzt 110 Millionen Euro auf 570 Millionen Euro im Jahr 2011 steigern, dies geht nur mit den erwarteten Kürzungen der Leistungen im Fernverkehr.

Mit dem Szenario aus dem Gutachten würde die Bahn nur konsequent ihre bisherige Politik im Fernverkehrsbereich fortführen. Bereits seit dem Jahr 2000 verloren etliche deutsche Städte ihren Anschluss an Fernverkehrsnetz. Damals wurde durch das DB Sparprogramm MORA P bereits die Interregioverbindungen gestrichen, MORA P steht im Bahn-Jargon für Marktorientiertes Angebot im Personenverkehr.

So verloren im Jahr 2000 folgende Städte den Anschluss an den Fernverkehr:

  1. Wilhelmshaven
  2. Bremerhaven
  3. Neubrandenburg
  4. Salzgitter
  5. Krefeld
  6. Mönchengladbach
  7. Goslar/Bad Harzburg
  8. Halberstadt
  9. Dessau
  10. Leverkusen
  11. Siegen
  12. Offenbach
  13. Meiningen/Suhl
  14. Schweinfurt
  15. Gera
  16. Görlitz
  17. Bautzen
  18. Chemnitz
  19. Zwickau
  20. Plauen
  21. Hof
  22. Bayreuth
  23. Heilbronn
  24. Landshut

Zusätzlich verschlechterte sich das Angebot schon damals in diesen Städten:

  1. Lübeck
  2. Recklinghausen
  3. Gelsenkirchen
  4. Herne
  5. Frankfurt/Oder
  6. Mainz
  7. Regensburg

Die Quittung für Bahn ist schon damals entsprechend deutlich ausgefallen, seit dem Jahr 2000 sank die Zahl der Fernreisenden von 145 Millionen auf 119 Millionen.

Reaktion der Bahn

Die Reaktion der Bahn, bezeichnend dünn: "Als hanebüchene Stimmungsmache hat die Deutsche Bahn AG eine Veröffentlichung der Berliner Beratungsfirma KCW zurückgewiesen. […] Unter dem Deckmantel wissenschaftlicher Arbeit werden hier unverantwortlich Ängste geschürt. Ohne jede Grundlage werden Reisende und politisch Verantwortliche verunsichert. Dass eine solche ‚Studie’ gerade jetzt erscheint, ist ein durchsichtiges Manöver. (Quelle: db.de)"

Ja klar …

4 Responses to “Fernverkehr nur noch für Große”

  1. Max Says:

    Bravo! Als Bahnvielfahrer bin ich gerade auf dein Blog gestoßen und dieser Artikel hat mich besonders gefreut - gerade die Reaktion der Bahn war mal wieder eine klare Ansage. Naja, die Bahn würde halt viel besser ohne all' die nervigen Kunden funktionieren, ist ja klar!

  2. Janina Says:

    Was mich immer wieder wundert: warum Vaihingen a.d. Enz einen Fernverkehrsanschluss hat.

    Zum Vergleich: Vaihingen hat 92.463 Einwohner. Oldenburg, was auf dieser Liste steht, hat 159.350. Potsdam 150.833.

  3. Konni Says:

    teilweise muss ich dieser politik, so leid es mir tut, doch ein wenig zustimmen: gerade wenn der ICE an jeder gießkanne hält, ist der sinn eines solchen zuges doch nicht gerade erfüllt - vergleiche das einmal mit frankreich, dort sieht die situation schon ewig so aus, dass der TGV eben NICHT an jeder ecke hält. natürlich ist das schon für viele leute etwas ärgerlich und die steuerliche belastung darf nicht außer acht gelassen werden, aber wie gesagt: teilweise nicht ganz falsch (ob und wie jetzt welcher ort im genaueren angebunden ist, ist ein anderes thema).
    nur der vollständigkeit halber: Bayreuth, Hof, Zwickau, Chemnitz hatten bis weit über 2000 hinaus einen Fernverkehrsanschluss (IC Nürnberg - Dresden), zumindest rein formal. diese IC Linie wurde inzwischen in einen IRE umgewandelt, die strecke, fahrzeit, frequenz und selbst das wagenmaterial (die strecke ist nicht elektrifiziert) ist jedoch gleichgeblieben.

  4. Sirra Says:

    In Potsdam halten auch jetzt schon gerade mal 2 Fernverkehrszüge pro Tag… das waren vor einiger Zeit auch noch mehr, wurde aber in den letzten Jahren schon fleißig zusammengekürzt…

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