Kein Tucholsky vor Gericht
Gerade im Sudelblog gefunden, der es aus der FAZ hat. In einem Porträt über den Anwalt der Gewerkschaft GDL Ulrich Fischer schildert der Autor eine Szene vor Gericht:
Bei Kurt Tucholsky verlor die Richterin die Geduld. Das Gedicht über die „Eisenbahner“ durfte Ulrich Fischer vor dem Arbeitsgericht Frankfurt nicht mehr vortragen. Denn zu diesem Zeitpunkt hatte der Rechtsanwalt der Gewerkschaft der Lokführer das Gericht, die Vertreter der Deutschen Bahn und diverse Journalisten schon mehrere Stunden in Atem gehalten mit seinen Ausführungen zum Arbeitskampf seiner Mandanten. (Quelle: faz.de)
Weil das Gedicht so schön (passend) ist, möchte ich es den Lesern auch nicht vorenthalten:
Eisenbahnerstreik
Unnötig.
Aber ohne jedes Recht.
Die Frau, die Kinder wollen Schuhe.
Wißt ihr, wie solcher Dienst den Körper schwächt?
Tag-, Nachtschicht und das bißchen Ruhe.
Ja, standet ihr schon mal am Führerstand?
Der Kessel glüht - es ziehn die Winde.
Heiß-kalt, kalt-heiß wird seine Führerhand . . .
Wo ist sein Sinn! Bei seinem Kinde?
Wo ist sein Sinn? Die Augen spähn: »Fahrt frei!«
Er darf nicht einen Griff versäumen.
Er sieht das Vorsignal und Weiche III -
Ihr könnt auf weichen Polstern träumen,
Wollt ihr nicht sichere Fahrt durch euer Land?
Wie soll der Dienst tun mit den Sorgen?
Zweihundert Leben in der einen Hand -
und dieser Hand will keiner, keiner borgen?
Er hats nicht leicht der Mann vom Flügelrad.
Stets droht der Tod. Er soll nicht ein Mal fehlen.
Ihr tuts für euch. Macht seine Kinder satt!
Wer fünf Milliarden für die Reichswehr hat:
der darf uns nichts von Sparsamkeit erzählen!
Autorenangabe: Theobald Tiger
Ersterscheinung: Die Weltbühne, 09.02.1922, Nr. 6, S. 149

August 8th, 2007 at 14:46:54
Noch wichtiger (nach meinem Geschmack und der historischen Kenntnisse) ist dieses Tucholska-Gedicht, da es die Umstände und die sozialen Bedinungen der Eisenbahner und der daraufhin weiteren Streikenden kennzeichnet:
Kurt Tucholsky:
Eisenbahnerstreik
Unnötig.
Aber ohne jedes Recht.
Die Frau, die Kinder wollen Schuhe.
Wißt ihr, wie solcher Dienst den Körper schwächt?
Tag–, Nachtschicht und das bißchen Ruhe.
Ja, standet ihr schon mal am Führerstand?
Der Kessel glüht – es ziehn die Winde.
Heiß-kalt, kalt-heiß wird seine Führerhand …
Wo ist sein Sinn! Bei seinem Kinde?
Wo ist sein Sinn? Die Augen spähn: »Fahrt frei!«
Er darf nicht einen Griff versäumen.
Er sieht das Vorsignal und Weiche III –
Ihr könnt auf weichen Polstern träumen.
Wollt ihr nicht sichere Fahrt durch euer Land?
Wie soll der Dienst tun mit den Sorgen?
Zweihundert Leben in der einen Hand –
und dieser Hand will keiner, keiner borgen?
Er hats nicht leicht der Mann vom Flügelrad.
Stets droht der Tod. Er soll nicht ein Mal fehlen.
Ihr tuts für euch. Macht seine Kinder satt!
Wer fünf Milliarden für die Reichswehr hat:
der darf uns nichts von Sparsamkeit erzählen!
*
(Erschienen unter dem Ps. „Theobald Tiger“; in: Die Weltbühne, 09.02.1922, Nr. 6, S. 149)
Aus: Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker. Band 5. Hrsg. v. Roland und Elfriede Links. Rowohlt Verlag, Reinbek 1996. 1928. S. 252; Kommentar S. 748)
*
"Eisenbahnerstreik": (Verf.: Theobald Tiger. Druck: WB Jg. 18, Nr. 6; 9.2.1922. I, S. 149 (zugleich ersch. in: BVZ 9.2.1922, M)
Erläuterungen zum Gedicht
(s. „Texte und Briefe“. Bd. 5. S. 748):
“Unnötig“:
Umgangssprachliche Floskel (wie aufgeschnappt…), die die Situation und die Lage der Streikenden herabwürdigen soll.
„ohne jedes Recht“:
In der Notverordnung heißt es: „Den Beamten der Reichsbahn ist wie allen übrigen Beamten nach dem geltenden Beamtenrecht die Einstellung oder Verweigerung der ihnen obliegenden Arbeit verboten“ („Eisenbahnerstreik – Ausnahmeverordnung“) In: BVZ 1.2.1922, A).
Hintergrund:
Vom 1. bis 7.2.1922 streikten 700000 Eisenbahner, denen sich am 5.2. die Beamten uind Arbeiter der Berliner Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerke anschlössen. Sie forderten eine Teuerungszulage und Neuregelung der Arbeitszeit. Mit einer Notverordnung auf Grundlage des § 48 der WRV verbot Ebert am 1.2.1922 den Streik. - Reichs-verkehrsminister Groener lehnte Verhandlungen ab, die dann Reichskanzler Wirth führte. (Vgl. auch Morus: "Die dunkle Woche". In: WB 16.2.1922).
October 3rd, 2007 at 21:50:45
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