Archive for September, 2006

Attac: Sechs Argumente gegen die Bahn-Privatisierung

Friday, September 29th, 2006

An dieser Stelle möchte ich einen Gastbeitrag von ATTAC in der Frankfurter Rundschau vom 29.9.2006 dokumentieren, dort führt ATTAC sechs Argumente gegen die Privatisierung der Bahn aus, eine Langfassung der Stellungnahme findet sich ebenfalls auf den Online-Seiten der Frankfurter Rundschau.

Die realen Konsequenzen einer Privatisierung sind weitreichend. Sechs seien im Folgenden benannt.

Erstens: Die Schiene wird im Personenverkehr zum Nischenanbieter mit stark verschlechtertem Nutzen für die Kunden.

Alle maßgeblichen Gutachten gehen davon aus, dass das Schienennetz im Fall einer Bahnprivatisierung erneut deutlich reduziert wird. Im Gespräch ist ein Abbau von weiteren 5000 km. Damit läge die Gesamtlänge des deutschen Schienennetzes bei weniger als 30 000 km; sie würde damit auf den Stand von 1875 gebracht.

Zweitens: Ausverkauf von gesellschaftlichem Eigentum.

Das gesamte Vermögen der Bahn - Infrastruktur und rollendes Material - wird in seriösen Schätzungen auf einen Wert von 100 bis 220 Milliarden Euro geschätzt. In der Bilanz der DB AG wird ein Anlagewert von 40 Milliarden Euro ausgewiesen.

Die Bundesregierung veranschlagt als mögliche Einnahmen im Fall eines "integrierten Börsengangs" nur zehn bis 15 Milliarden Euro. Selbst wenn es nur zu einem Verkauf des Bahnbetriebs kommt und das Schienen-Netz beim Bund bleibt, kann der Wert des "rollenden Materials" auf 20 bis 25 Milliarden Euro geschätzt werden. Doch die Bundesregierung erwartet bei einem Verkauf des reinen Schienentransport-Sektors lediglich Einnahmen von vier bis sieben Milliarden Euro. In beiden Fällen entsprechen die erwarteten Einnahmen nur einem Bruchteil des tatsächlichen Werts.

Drittens: Die Bahnprivatisierung kommt die Steuerzahlenden teuer zu stehen.

Alle Privatisierungsmodelle sehen vor, dass parallel mit der Kapitalprivatisierung in einer für rund zehn Jahre festgeschriebenen Vereinbarung die Unterstützungsleistungen für das Schienennetz (rund zwei bis drei Milliarden Euro jährlich) gesetzlich verpflichtend festgeschrieben werden. Die Höhe der Regionalisierungsgelder für den Nahverkehr (derzeit sieben Milliarden Euro jährlich; 2009 ca. 6,5 Milliarden jährlich) steht ohnehin fest. Andere Unterstützungen kommen hinzu. In der Gesamtsumme sollen nach einer Bahnprivatisierung die staatlichen Unterstützungszahlungen nicht niedriger sein. Gewinne werden privatisiert, Kosten vergesellschaftet.

Viertens: Schlechtere Kapitalausstattung

Eine gängige Behauptung lautet: Mit der Bahnprivatisierung könne sich die Bahn frisches Kapital besorgen. Das Gegenteil trifft zu. Eine privatisierte Deutsche Bahn AG hätte zunächst ein deutlich schlechteres Kredit-Rating als die DB AG in Bundesbesitz. Jede Form der Aufnahme von Fremdkapital käme teurer. Vor allem aber müssen private Investoren darauf drängen, die derzeitige offizielle Rendite von zwei Prozent zumindest zu vervierfachen. Sie würden somit der Bahn Gelder, die potentiell dem Schienenverkehr zur Verfügung stehen, entziehen.

Fünftens: Gefahr der Fremdbestimmung

Alle Modelle eines Bahn-Börsengangs sind damit verbunden, dass private Investoren Miteigentümer werden. Auch bei der Hereinnahme von Minderheitsaktionären (z.B. 49 Prozent Anteile von privaten "Investoren") würden diese in erheblichem Maß mitentscheiden. Vor dem Hintergrund eines vom Auto und Flugzeug dominierten Verkehrsmarkts ist auch vorstellbar, dass Investoren einsteigen, die dem Schienenverkehr widersprechende Interessen vertreten. In Großbritannien übernahmen die Billigflieger Virgin und die Buskonzerne Stage Coach und Arriva den Bahnbetrieb in großen Regionen.

Sechstens: Arbeitsplatzabbau

In kaum einem anderen Wirtschaftsbereich wurden in den vergangenen 15 Jahren die Arbeitsplätze derart radikal abgebaut wie im Bahnsektor. Seit der Bahnreform 1994 kam es in Deutschland beim Schienenverkehr zu einer Halbierung der Beschäftigtenzahl (von 360 000 auf 180 000). Die nun zur Entscheidung anstehende materielle Bahnprivatisierung gefährdet in den Bereichen Schiene und Bahntechnik weitere 80 000 bis 100 000 Arbeitsplätze.

Es stellt sich die Frage: Warum überhaupt privatisieren? Es gibt dabei aus Sicht des Schienenverkehrs keine sachlich nachvollziehbaren Vorteile, wohl aber gravierende Nachteile. Weiter ist zu fragen: Warum werden nur Privatisierungsmodelle untersucht, die für die Schiene nur Verschlechterungen und für die öffentliche Hand eher Verteuerungen mit sich bringen?

Als Wissenschaftlicher Beirat von Attac sprechen wir uns strikt gegen jede Form einer materiellen Privatisierung der Deutschen Bahn AG aus. Wir stellen fest:

  • dass damit die Lebensqualität in unserem Land erheblich verschlechtert wird
  • dass damit die Mobilität für Dutzende Millionen Menschen reduziert und für einige Millionen (z. B. Behinderte) elementar in Frage gestellt wird
  • dass damit die Bundesrepublik Deutschland ohne jeden Zwang ein entscheidendes Instrument aus der Hand gibt, um eine Politik der Verkehrswende zu betreiben.

Wir fordern stattdessen eine Untersuchung und Umsetzung des "status quo plus": eines Schienenverkehrsmodells als einer optimierten Bahn in öffentlichem Eigentum. In Zeiten, in denen der Ölpreis immer wieder neue Rekordhöhen erreicht, Kriege um Öl geführt werden, die Klimaerwärmung unübersehbar und die Gefährdung elementarer Bedingungen für menschliches Leben auf unserem Planeten Erde offensichtlich ist, verbietet sich in der Privatisierungspolitik jedes "Weiter so!".

Deutschland ein entscheidendes Instrument für eine nachhaltige Verkehrswende aus der Hand.

Die Autoren

Im Wissenschaftlichen Beirat von Attac Deutschland arbeiten mittlerweile fast 100 Professoren, Wissenschaftler und Experten mit. Sie vertreten ein breites Spektrum unterschiedlicher Fachrichtungen. Zu den bekanntesten Mitgliedern zählen Elmar Altvater, Jörg Huffschmid, Claus Leggewie, Wolfgang Däubler, Christoph Butterwegge, Annelie Buntenbach und Rupert von Plottnitz. Gegründet wurde der Beirat Ende 2001 als Beratungs- und Forschungsgremium für Attac Deutschland. Der Beirat versteht sich unabhängiges Gremium. Der Gastbeitrag beruht auf einer umfangreicheren Stellungnahme. fr

Warnstreiks bei der Deutschen Bahn

Friday, September 29th, 2006

Am Morgen haben hunderte Bahnmitarbeiter ihre Warnstreiks begonnen. Schwerpunkt der Aktion war NRW und Rheinland-Pfalz. In Köln und Trier fielen nach Gewerkschaftsangaben zahlreiche Verbindungen aus, tausende Pendler kamen nur verspätet zur Arbeit.

Im Lauf des Vormittags soll in Düsseldorf, Duisburg, Paderborn und Wuppertal gestreikt werden. Gegen Mittag sollen die Warnstreiks vorerst beendet werden. Weitere Behinderungen für den Wochenendverkehr sind somit nicht zu erwarten (mal abgesehen von den üblichen Freitags-Verspätungen).

Angaben zur aktuellen Lage findet man im RIS, dem Reisenden Informationssystem der Bahn. Hier können die Verspätungen minutengenau abgerufen werden.

Die Bahn hat eine Hotline eingerichtet, unter 08000 996633 können rund um die Uhr Informationen zum Streik abgerufen werden. Fahrgäste, die aufgrund streikbedingter Zugausfälle bzw. Verspätungen ihre Reise nicht antreten können, haben die Möglichkeit, ihre Fahrkarte kostenlos umzutauschen oder sich den Reisepreis erstatten zu lassen.

Lage relativ entspannt

Zur Zeit ist die Verspätungslage relativ entspannt, an den betroffenen Bahnhöfen liegen die Verspätungen meist im normalen Rahmen von 10-15 Minuten. Die im RIS genannten Verspätungsgründe um 10:30 Uhr: Verzögerungen im Betriebsablauf, Polizeiliche Ermittlungen, Bauarbeiten an der Strecke, Stellwerksstörung /-ausfall, Oberleitungsstörung, Signalstörung, verspätete Übergabe aus dem Ausland, Störung am Triebfahrzeug - also die üblichen Probleme der Bahn.

Am stärksten betroffen ist Düsseldorf, hier kommt es zu streikbedingten Verspätungen im Fernverkehr von bis zu 90 Minuten.

Jetzt geht es um den Streik

Thursday, September 28th, 2006

Heute Abend um 17:00 Uhr kommen die Eisenbahner Gewerkschaften Transnet und GDBA mit Vertretern der Deutschen Bahn zusammen. Auf der Tagesordnung steht die Forderung der Gewerkschaften nach einer Verlängerung des Beschäftigungspaktes. Sollten diese Gespräche scheitern drohen ab Freitag Warnstreiks.

Verkehrsexperten sprechen sich für Fortführung des Beschäftigungspakts aus - Keine Warnstreiks am Donnerstag

Wednesday, September 27th, 2006

Die Deutsche Bahn soll nach dem Willen der Verkehrsexperten des Bundestages die Arbeitsplatzsicherung für ihre Beschäftigten unabhängig vom Modell des Börsengangs garantieren. Das beschloss der Verkehrsausschuss des Parlaments ohne Gegenstimmen, lediglich die FDP enthielt sich der Stimme. Die Parlamentarierer bemühten sich so, den für ab Donnerstag angekündigten Warnstreiks die Grundlage zu entziehen.

Gewerkschaften: Keine Warnstreiks am Donnerstag

Die Gewerkschaften Transnet und GDBA erklärten unterdessen, dass es am Donnerstag keine Warnstreiks geben werde. Lediglich Flugblätter würden an 32 Bahnhöfen verteilt.

"Wir sind nach jetzigem Stand in der Lage sehr kurzfristig Warnstreiks zu organisieren", kündigen TRANSNET-Chef Norbert Hansen und der GDBA-Vorsitzende Klaus-Dieter Hommel an. Die Vorstände der beiden Gewerkschaften würden das weitere Vorgehen am Donnerstag festlegen. Für Donnerstag selbst sind keine Warnstreiks geplant. "Wir sehen von solchen Aktionen an diesem Tag ab, um uns nicht den absurden Vorwürfen, wir würden politische Streiks durchführen, wieder aussetzen zu müssen", sagten Hansen und Hommel mit Blick auf die für Donnerstag geplanten Beratungen von Parlamentsgremien zum Thema Bahn. (Quelle: transnet.org)

Deutsche Bahn bereitet sich auf Warnstreiks vor

Wednesday, September 27th, 2006

Die Deutsche Bahn hat eine kostenlose Servicenummer eingerichtet, unter der sich Reisende über mögliche Beeinträchtigungen durch die angedrohten Warnstreiks informieren können.

Aufgrund möglicher Warnstreiks zweier Gewerkschaften sind ab dem 28. September 2006 Beeinträchtigungen im Bahnverkehr nicht auszuschließen. Reisende werden gebeten, sich kurz vor der Abfahrt bei der extra eingerichteten Hotline über die aktuelle Situation zu informieren.

Die Hotline ist ab sofort über die kostenlose Rufnummer 08000 996633 rund um die Uhr erreichbar.

Fahrgäste, die aufgrund streikbedingter Zugausfälle bzw. Verspätungen ihre Reise nicht antreten können, haben die Möglichkeit, ihre Fahrkarte kostenlos umzutauschen oder sich den Reisepreis erstatten zu lassen. (Quelle: db.de)

Die Gewerkschaft transnet hat auch am heutigen Mittwoch ihre Protestaktionen fortgesetzt, in Nürnberg demonstrierten mehr als 2.000 Bahner für den Erhalt ihres Konzerns.

Nachdem am 13. September die Tarifverhandlungen an der Frage der Beschäftigungssicherung gescheitert waren, endet heute um Mitternacht die Friedenspflicht. Für den morgigen Donnerstag hatte transnet bereits am Montag Warnstreiks angekündigt.

Programmvorschau

Wednesday, September 27th, 2006

Der Deutschlandfunk berichtet am Donnerstag im DLF-Magazin ausführlich über die Bahn:

Die Zukunft der Deutschen Bahn AG

  • Wolfgang Zimmer: Nach dem Transrapid-Unglück: Wie das Eisenbahn-Bundesamt die Ursachen ermittelt
  • Jasper Barenberg: Wenn Schienen Privateigentum sind: Erfahrungen aus Schleswig-Holstein
  • Christina Schaffrath: Mit Verspätung in den Bahnhof: Zeitmanagement bei der Bahn
  • Markus Rimmele: Von der Straße auf die Schiene: Wachstumsbranche Güterverkehr

(28.9.2006, 19:15 Uhr, DLF-Magazin)

Den Link zu den Beiträgen gibt es hier nach der Sendung.

Eine letzte Zigarette

Tuesday, September 26th, 2006

Liebe Raucher, bitte schneller rauchen. Am Sonntag werden die Aschenbecher im Bord-Bistro der Bahn für immer geleert. Denn ab 1. Oktober tritt dort das Rauchverbot in Kraft. Der Sucht kann dann nur noch in den wenigen verbliebenen Raucherabteils der 1. Klasse, bzw. in den Großraum der 2. Klasse gefrönt werden.

Presseschau

Tuesday, September 26th, 2006

Der Frust über die Bahn, ihre wundersamen Durchsagen, Verspätungen, ausgefallene Züge und widerspenstige Automaten hat jetzt auch die Redaktionsstuben der Zeitungen erreicht, in einem Artikel im Kölner Stadt Anzeiger schreibt sich Karlheinz Wagener seinen Ärger von der Seele:

Beim Eintreten in den Bahnhof hatte man bereits auf der Anzeigetafel gesehen, dass dies wieder einer jener Tage ist, an dem der Bahnverkehr in Deutschland vollständig kollabiert ist. Aber im Kölner Hauptbahnhof hat man auf der digitalen Anzeige die fest eingeblendeten Verspätungszeiten durch Laufbänder ersetzt - man sieht nicht mehr alle Verspätungen auf einen Blick. Sondern man muss sich das Bild des Horrors erst zusammen setzen. Schlecht, wenn man zum Beispiel nach Stuttgart möchte, und nach und nach feststellt, dass alle Züge in Richtung Süden vollständig aus dem Takt geraten sind. (Quelle: KSTA.de)

Pünktlichkeitsquote sinkt auf Rekordtief

Monday, September 25th, 2006

Presseberichte in 'Focus' und 'Bild am Sonntag' bestätigen eigene Erfahrungen: internen Berichten der Bahn zufolge erreicht nur noch zwei von drei Fernreisezügen sein Ziel pünktlich, das heisst mit weniger als fünf Minuten Verspätung. Auf der Verbindung Köln-Hamburg beträgt die durchschnittlche Verspätung mittlerweile 15 Minuten.

Besser als der Fernverkehr schneidet der Nahverkehr ab, hier erreichen immerhin 90 Prozent aller Züge ihr Ziel. Ein Rekordminus gibt es im Güterverkehr, dort sind nur noch knapp 60 Prozent der Züge pünktlich.

Schwerer Unfall auf Transrapid-Teststrecke

Friday, September 22nd, 2006

Auf der Transrapid-Teststrecke im Emsland ist es am Freitag zu einem schweren Unglück gekommen. Dabei sind nach letzten Angaben vermutlich 21 Menschen ums Leben gekommen. Das Unglück ereignete sich, als der Transrapid auf der Teststrecke mit Tempo 200 gegen einen Werkstattwagen prallte.

Aktuelle Informationen über den Unfall bei ndr.de.

Betreiber der Strecke in Lathen ist die Industrieanlagen-Betriebsgesellschaft mbH (IAGB) mit Sitz in Ottobrunn. Weitere Informationen zur IAGB bei wikipedia.de.


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